Esperanto – Interview

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⇒   ✟ Gerhard Hirschmann verstarb am 14.12.2009

Das Interview:

Gerhard Hirschmann, wir Weltbürger danken,

dass wir per Interview über ESPERANTO Informationen bekommen.

Du bist Mitglied der Weltbürgervereinigung

AWC (Association of World Citizens, Hauptsitz USA- San Francisco),

warst Generaldirektor des Esperanto-Bereiches weltweit

und bist jetzt dessen Ehrendirektor

und warst ebenso Vorsitzender der Sektion Sachsen-Anhalt

des deutschen Zweiges der Weltbürgervereinigung.

Im vorigen Jahr hast du dich von der Führungsverantwortung zurückgezogen

und Jüngeren diese Aufgaben übergeben.

Weltbürger Weser-Ems: Jahrelang hast Du in Magdeburg die Weltbürger Magdeburgs und sehr viele Esperanto-Sprecher vereinigen können. Wie waren Deine Erfahrungen in Bezug auf Beteiligung der Esperantisten an weltbürgerlicher Mitarbeit?

Gerhard Hirschmann: Als ich Anfang der 90er Jahre Informationen über die Weltbürgerbewegung bekam, stellte ich sofort fest, dass es eine große Schnittmenge gemeinsamer Grundauffassungen zwischen beiden Bewegungen gibt. Das beginnt schon mit der Gründungsidee für eine Internationale Plansprache durch den Initiator Dr. Ludwig Samenhof. Da ich mich beiden Ideen verpflichtet fühlte, war es nur logisch, dass ich in beiden Bewegungen von der jeweils anderen Idee berichtete. Das führte letzten Endes dazu, dass ich international tätig wurde und dass gemeinsam mit den 8 von mir eingesetzten Landesdirektoren in nur zwei Jahren fast 200 Esperantosprecher für die Erklärung als Weltbürger in 26 Ländern bewegt werden konnten. Ohne eine gemeinsame Sprache und ohne die große Übereinstimmung beider Ideen wäre dieser Erfolg überhaupt nicht denkbar gewesen.

Weltbürger Weser-Ems: Welchen Beitrag kann Esperanto überhaupt leisten, um Aktivitäten der Weltbürger in Gang zu halten?

Gerhard Hirschmann: Esperanto ist von Hause aus ein sehr gutes Kommunikationsmittel, dass die Begegnung auf Augenhöhe geradezu voraussetzt. Das bedeutet die Akzeptanz des anderen Menschen, unabhängig von seiner Herkunft, Religion, Sprache, Hautfarbe, materieller Situation usw. Hinzu kommt der Vorteil, dass für das Erlernen der Internationalen Sprache nur zirka 20 Prozent des Lernaufwandes gegenüber üblichen Fremdsprachenaufwendungen erforderlich sind.

Die modernen Kommunikationsmittel wie Internet, Mobilfunknetz, Kommunikationsforen (wie z. B. Skype) gestatten schnelle und kostengünstige Kommunikation, die Welt wächst zusammen, Tausende von Kilometern können leicht überwunden werden. Außerdem bieten sich Möglichkeiten an, auf den Esperanto-Konferenzen, Treffen, Seminaren usw. mit eigenen Beiträgen über die Weltbürger- Idee zu berichten. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass Informationen über dieses Thema „Weltbürger“ sehr gut aufgenommen werden, immerhin zeigt ja auch Beitritt zur Weltbürgerbewegung in 26 Ländern, was innerhalb kurzer Zeit bewegt werden kann.

Weltbürger Weser-Ems: Bei uns im geografischen Raum Weser-Ems ist trotz Anschreiben und Treffen keine „Begeisterung“ für Esperanto an Weltbürger-Arbeit festzustellen. Das kann auch an unserer Webarbeit liegen. Wir halten aber Esperanto und Sprachaustausch von Sprechern mit Sprechern aus dem Ausland für eine wunderbare Form der Kommunikation. Schon das alleine wäre für uns ein weltbürgerlicher Akt. Sollten wir uns noch „besser“ darstellen und die Wichtigkeit zu Weltbürger-Aktivitäten (Info-Stand und anderes…) unterstreichen oder eingestehen, dass Esperantisten mit uns Weltbürgern  hier regional keine gemeinsame Schnittstellen haben?

Gerhard Hirschmann: Möglicherweise liegt es daran, dass die ohnehin große Schnittmenge gemeinsamer Überzeugungen kaum inspiriert, nun auch noch in der Weltbürgerbewegung aktiv zu sein. Das Problem ist, dass die sehr rührigen Leute schon hinreichend ausgelastet sind mit ihren Aktivitäten in der Esperantobewegung.

Sicher ist auch Geduld angebracht. Schön wäre es allerdings, wenn die Werbeaktivitäten für die Weltbürgeridee von Esperantosprechern ausgehen. Wer also innerhalb der Esperantobewegung Fuß fassen möchte, sollte entweder selbst Esperanto lernen oder einen Esperanto-Partner finden, der das übernimmt.

Weltbürger Weser-Ems: Von Esperanto-Vereinigungen und einzelnen engagierten Esperanto-Befürwortern wird gefordert, dass Brüssel für die EU die Sprache Esperanto als echte Alternative im Bereich Amtssprachen voranbringen soll. Ist das wichtig, richtig? Wird das eine Chance haben?

Gerhard Hirschmann: Es ist bekannt, dass ca. 30 Prozent des Etats der Europäischen Union für Übersetzungsdienste ausgegeben werden. Mit 21 offiziellen Sprachen in der EU muss eine immense Arbeit geleistet werden, um dem Anspruch auf Gleichberechtigung der Sprachen der Mitgliedsländer Genüge zu tun. Dennoch funktioniert dieses System nur unzureichend, von einer Gleichberechtigung kann keine Rede sein. Heutzutage hat sich vor allen Dingen die englische Sprache als herrschende herausgestellt. Die Briten sparen im Jahr zirka 14 Milliarden EURO an Kosten, weil sie den Vorzug der Muttersprache haben.

Das ist undemokratisch!

Vor allem die kleinen Sprachen, zum Beispiel Estnisch oder Luxemburgisch haben große Schwierigkeiten. Die Esperantobewegung setzt sich dafür ein, dass die nationalen Sprachen der Mitglieder gefördert werden aber auch dafür ein, dass in der Europäischen Union für den Dialog mit Anderssprachigen eine gemeinsame Sprache benutzt wird. Eine vorhandene ethnische Sprache erfüllt die Ansprüche an solche Kommunikationslösung nicht, nämlich Gleichberechtigung der Sprecher (denn alle müssen diese Sprache lernen), sie muss regelmäßig sein, leicht erlernbar. Zur Einführung solcher Sprachen, wie es z. B. Esperanto sein könnte, fehlt allerdings der politische Wille.

Es ist schon immer so gewesen, dass die so genannten „Weltsprachen“ einfach auch durch die ökonomische und militärische Stärke der aktuell führenden Nationen reflektiert wird. So war es mit dem Latein, mit Französisch und heute mit dem Englischen. Ich persönlich bin der Auffassung, dass zur Herausbildung und Stärkung eines europäischen Bewusstseins die Beseitigung der Sprachhürde unerlässlich ist. Aber es ist niemand zuzumuten, 21 Sprachen zu lernen.

Zur diesjährigen Wahl des Europäischen Parlaments tritt die Partei „E-D-E, das heißt Europa- Demokratie- Esperanto“ an. Ziel ist, den Gedanken für Esperanto voranzubringen und die Öffentlichkeit zu informieren. Den Stand der Vorbereitungen kann man sehen unter http://www.e-d-e.eu/. Ich bin überzeugt, dass es in Zukunft in der EU eine Kommunikationslösung ohne Bevorzugung einer ethnischen Sprache geben wird, ich plädiere dafür, Esperanto zu verwenden.

Weltbürger Weser-Ems: Esperanto und die Weltbürger Bewegung sind sogar in der UNO, in den Unterorganisationen als NGO, also als (nicht-staatliche) Nichtregierungsorganisation, jedoch mit Beratungsrechten, in New York, Genf und Wien vertreten?

Gerhard Hirschmann: Ja, so ist das. Und darauf sind wir sehr stolz. Besonders hervorheben möchte ich die Vertretung von AWC in Genf durch Professor René Wadlow. Er setzt sich vor allen Dingen für die Einhaltung der Menschenrechte ein und nutzt dazu sehr effektiv seinen akkreditierten Status.

Weltbürger Weser-Ems: Eine ganz persönliche Frage: Welche Bereicherung hattest Du erfahren im Zusammenhang mit Esperanto?

Gerhard Hirschmann: Das frühe Kennenlernen der Sprache und auch die Beweggründe des Initiators Dr. Samenhofs habe mich begeistert und geprägt. Schon vor der politischen Wende in Ostdeutschland hatte ich dadurch Kontakte zu Menschen in vielen Ländern, den Zugang zu anderen Kulturen und erhielt Impulse durch interessante Personen. Nach 1989 konnte ich dann Esperantosprecher in vielen Ländern direkt kennen lernen, Kongresse besuchen; sehr komfortabel, was die Sprache betrifft, durch afrikanische Länder reisen usw. Für mich ist das Kennenlernen, das systematische Lernen und die regelmäßige Anwendung der Internationalen Sprache Esperanto ein unverzichtbares Element meiner Lebensphilosophie und –Praxis geworden. Und das wird sich auch nicht ändern. Ich bin sehr dankbar, dass ich zu dieser großen internationalen Gemeinschaft der Esperanto-Sprecher gehören darf.

Weltbürger Weser-Ems: Wir danken für dieses Interview!

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